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Unternehmen verlagert seinen Sitz – trotz voller Auftragsbücher

Drohende Entlassung der Beschäftigten von Senvion in Trampe - dahinter steht ein Hedge-Fonds

Beim Thema „Regulierung der Finanzmärkte“ denkt man zuerst an Banken und Kreditinstitute. Eher im Hintergrund stehen die Aktivitäten von Finanzinvestoren. Und auch diese unterscheiden sich gravierend.

Formen weltweit agierender Fonds
Es gibt weltweit agierende Fonds, die zum Beispiel in Infrastruktur investieren und deren Investitionen 20 bis 30 Jahre umfassen, zum Beispiel beim Stromleitungsausbau, bei Bau und Betreibung von Häfen. Dann gibt es staatlich gelenkte Fonds wie zum Beispiel in Russland und China, die gezielt Industrie- und Technologieunternehmen aufkaufen, um Einfluss auf die weltweite Wirtschaftsentwicklung zu nehmen. Und es gibt staatliche Fonds wie zum Beispiel in Norwegen, die Gewinne aus dem Erdöl- und Erdgassektor gezielt anlegen, um die Rentenversorgung ihrer Bevölkerung zu sichern. (Dieser Fonds ist inzwischen größer als die Nationalbank Norwegens.)
Die Tätigkeit dieser Fonds ist kaum international reguliert. Einige, wie zum Beispiel in Norwegen, haben für ihre Anlagestrategien ethische Grundsätze formuliert, die zum Beispiel eine Beteiligung an der Produktion von Kriegsgütern ausschließen. Viele haben jedoch solche Grundsätze nicht. Aber alle haben zum Ziel eine Rendite für die Anleger. Der Unterschied liegt in der Höhe der Rendite – und was man bereit ist, dafür zu tun.
Um einen Eindruck von der Größe dieser Fonds (und damit auch ihrer Finanzmacht) zu vermitteln: Es gibt Fonds mit einem Volumen von mehreren Billionen Dollar, das ist mehr als das Bruttonationalprodukt Deutschlands (2,5 Billionen Euro, 2010).

Wie funktioniert ein Hedge-Fonds?
Es gibt so genannte Hedgefonds, die einen Schwerpunkt auf Leveraged buyouts (LBO) und notleidende Wertpapiere (Hedge) legen. LBO ist ein Finanzgeschäft, bei dem ein Unternehmen mit einer Kombination aus Eigenkapital und Schulden erworben wird, sodass der Cash flow (tatsächlich vorhandenes Geldvermögen) des Unternehmens als Sicherung für die Rückzahlung des geliehenen Geldes verwendet wird. Das heißt, eine Kreditaufnahme des Hedgefonds erfolgt auf der Grundlage der positiven wirtschaftlichen Situation des neu übernommen Unternehmens. Im Klartext: Ein Hedgefonds kauft perspektivisch gewinnträchtige Unternehmen  oder Teile von Unternehmen, wobei die Zinsaufwändungen für die Kredite niedriger sind als die Gewinne, die man aus dem Unternehmen abziehen kann. Das Unternehmen bezahlt faktisch die Übernahme selbst. Dadurch steigen die Erträge, die man den Einlegern des Fonds auszahlen kann, extrem an. Das ist der Zweck des Hedge-Fonds. Daraus resultiert auch dessen relativ kurzfristige Unternehmensstrategie. Sie hat zur Folge, dass es keinerlei Bindungen an Standorte oder Beschäftigte gibt. Die Untenehmenphilosopie richtet sich allein auf die Gewinnmaximierung, mit oft sehr kurzfristigen Entscheidungen zu Lasten von Beschäftigten und Regionen.

Was passiert in Trampe?
Am Standort Trampe werden Windkraftanlagen hergestellt. Früher war das Unternehmen REPOWER Eigentümer. Das Unternehmen wurde an SENVION verkauft. Dort ist wiederum der Hauptaktionär CENTERBRIDGE. Über Centerbridge-Partner ist öffentlich wenig bekannt, es ist aber ein klassischer Hedge-Fonds. SENVION ist ein Unternehmen, das gegenwärtig 2,5- bis 6-Megawatt-Turbinen für Windkraftanlagen produziert. Es steht wirtschaftlich sehr gut da. Laut eigenen Angaben waren im Jahr 2016 Festaufträge auf 1,3 Milliarden Euro weltweit dotiert. Etwa 4.100 Beschäftigte arbeiten für das Unternehmen weltweit, davon sollen nun rund 700 entlassen werden, darunter 120 in Trampe und 80 in einer Servicegesellschaft in Eberswalde. Die Produktion soll verlagert werden, vor allem nach Portugal, um eine weitere Gewinnmaximierung zu ermöglichen – siehe oben.

Hier liegt der gravierende Unterschied zu örtlich verankerten Unternehmen (dazu gehören nicht mehr nur nationalstaatlich organisierte, sondern auch europaweit agierende) – nämlich im Zweck der Aufgabe eines Standortes: Der Hedge-Fonds gibt Beschäftigte und Standort auf, um den Gewinn zu maximieren – und zwar ohne Rücksicht auf die strukturellen und regionalen Folgen. Ein örtlich verankertes Unternehmen dagegen würde dies nur bei wirtschaftlichen Engpässen in Erwägung ziehen – und dann auch noch zuerst mit der Politik nach Lösungen suchen. Zwischen beiden Polen gibt es inzwischen jedoch eine große Grauzone – wie wir gerade beim Agieren der Deutschen Bahn mit dem Bahnwerk in Eberswalde erlebt haben.

Was tun?
Proteste, politische Gespräche, Druck auf das Unternehmen aufbauen, um den Standort zu erhalten.  Das sind die Aufgaben der nächsten Wochen. Betriebsrat, Gewerkschaft und Landespolitik arbeiten eng zusammen, auch mit den betroffenen Beschäftigten in Schleswig-Holstein.
Aber auch langfristige umfassende Lösungen müssen ins Blickfeld geraten: Es kann sie nur – mindestens – innerhalb der Europäischen Wirtschaftszone geben. Eine Eindämmung wäre über die Finanzmarktregulierung möglich oder über ein abgestimmtes Steuermodell, das solche kurzfristigen Gewinnmaximierungen wirtschaftlich unattraktiv macht. Aber das Dilemma ist groß: Selbst Nationalssaaten sind inzwischen an Hedge-Fonds beteiligt.
(Beitrag für "Offene Worte", Kreiszeitung der LINKEN. Barnim)