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Über längeres gemeinsames Lernen und über Schulzentren bis zum Abitur

Interview für die Kreiszeitung der Barnimer LINKEN "Offene Worte"

Gemeinsames Lernen“ der Schülerinnen und Schüler ist ein Ziel der LINKEN in Brandenburg. Seit 2009 engagieren sich Landtagsfraktion und Landespartei dafür. Bisher haben sie keine Mehrheit dafür gefunden. Mitte Juni stellten Ralf Christoffers, Vorsitzender der Landtagsfraktion der LINKEN, und Kathrin Danneberg, Stellvertreterin und Bildungspolitikerin, ein neues Papier zur Gemeinschaftsschule vor.  

Sie stellen erneut ein Papier zur Gemeinschaftsschule vor – gilt nicht schon allein das Wort bei Ihrem Koalitionspartner SPD als „rotes Tuch“?  
Das ist wahr, aber es ist nicht wichtig, wie die Schule im Endeffekt heißt, Hauptsache sie ermöglicht das gemeinsame Lernen von Kindern.  

Was ist neu am „alten Hut“ der LINKEN?  
Viele Eltern und Großeltern kennen das gemeinsame Lernen von 1. bis zur 10. Klasse aus der Polytechnischen Oberschule der DDR. In diesem Sinn ist es wirklich ein alter Hut – aber einer, mit dem viele gute Erfahrungen verbunden sind, wenn man wirklich nur über Schule und Lernen redet und den deshalb viele gern wieder aufsetzen würden. Bildungsexperten, egal welcher Herkunft, zeigen sich mehr und mehr überzeugt, dass eine zeitige Selektion der Kinder in „Abitur- und Nicht-Abiturschüler“ nicht gut ist. Kinder sollen an qualitativ hochwertiger Bildung teilhaben und ihre Potenziale entwickeln.  

Zielen Sie auf den Stress ab, der für viele Kinder und Eltern manchmal schon bald nach der Einschulung beginnt: Welche weiterführende Schule wird die richtige sein?  
Dafür gibt es inzwischen schon eine Bezeichnung: Sozialer Stress. Der zeitliche Spielraum würde bei einer gemeinsamen Schule bis zur 10. Klasse viel größer, um sich für die Form des Schulabschlusses zu entscheiden. Die LINKE will keine Gymnasien abschaffen, sondern es den Kindern ermöglichen, einen Schulabschluss zu erringen – und dann mit 15 oder 16 Jahren möglicherweise schon sehr selbstbestimmt über das Abitur entscheiden zu können. Die zeitige Schulformanwahl belastet viele Familien ja, sobald man einen 5.-Klässler im Haushalt hat. Wenn Eltern und Kinder sich für die Gemeinschaftsschule entscheiden, würden auch die Bildungsgangempfehlungen in der 6. Klasse entfallen. Eine Entlastung für Familien und Lehrer.

Im ländlichen Raum geht es ja oft gar nicht mehr um den Schultyp sondern darum, was überhaupt „im Angebot“ ist ....  
Das ist ein zentraler Punkt unseres Ansinnens: Wenn es auch in den dünn besiedelten Gebieten Brandenburgs weiterhin Schulen in erreichbarer Nähe geben soll, muss es hier eine generelle Lösung geben. Bis zum Jahr 2030 wird ein Geburtenrückgang von 58 Prozent für den ländlichen Raum prognostiziert, aber selbst im Berliner Umland sollen ein Drittel weniger Kinder geboren werden. Es gibt hier bereits Modellversuche, etwa 30 sogenannte Schulzentren in Brandenburg, in denen Kommunen Grund- und Oberschulen gemeinsam betreiben. Diese wären aus unserer Sicht weiterzuentwickeln, auf freiwilliger Basis der Schulträger. Da man hier bereits auf Erfahrungen aufbaut, könnte auch eine Testphase für das gemeinsame Lernen auf wenige Jahre beschränkt werden.

Die demografische Entwicklung wirkt sich auch auf Fahrwege aus ...
Eine weitere Folge: Schule soll erreichbar sein. Es fördert die Selbstständigkeit der Kinder und Jugendlichen nicht, wenn sie bis zu ihrem eigenen Führerschein auf die Taxi-Dienste ihrer Eltern angewiesen sind. Und auch für die Kommunen sind ortsnahe Schulen sowohl in Bezug auf den öffentlichen Nahverkehr als auch auf die Bindung an die Heimatgemeinde ein wichtiger Aspekt. Es gibt viele positive Reaktionen zum Beispiel vom Städte- und Gemeindebund.

Sie sehen nicht, dass die LINKE damit den „Schulfrieden“ gefährdet, der der SPD und anderen Parteien so wichtig scheint?
Der Schulfrieden wird damit nicht gefährdet. Ich kann im Moment nur Vorteile erkennen: Die Erfahrungen mit der 10-jährigen Schule sind in Brandenburg positiv besetzt, bereits bestehende Schulzentren können weiter entwickelt werden und der demografischen Entwicklung wird entsprochen. Die Frage ist doch, ob es nicht langsam ein „alter Hut“ wird an etwas Bestehendem festzuhalten, dass die Zukunft der Schülerinnen und Schüler in den jetzigen Schulformen gefährdet. Eigentlich würde ich mir wünschen, dass man irgendwann alle Abschlüsse in einer Schule machen kann, egal wie sie heißt. Aber gemeinsames Lernen bis zur 10. Klasse wäre ein Anfang, Schulzentren im ländlichen Raum, die Abitur ermöglichen wären eine Chance.

Aber davon müssen Sie zuerst Ihren Koalitionspartner SPD überzeugen?
Im Koalitionsvertrag haben wir dieses Vorhaben explizit so nicht verankert. Allerdings ist die Entwicklung der Schulzentren verabredet. Dort knüpfen wir mit unserem Vorschlag an. Unser Land entwickelt sich weiter und wir können mit manchen Entscheidungen nicht warten, was die nächste Wahl bringt. Im Juni haben wir im Landtag gerade die Haushaltsplanungen für 2015/2016 abgeschlossen, es wäre also möglich ab dem Doppelhaushalt 2017/2018 mit dem Projekt „Gemeinsames Lernen bis zur 10. Klasse“ zu beginnen.